Wolfgang Rössig

Kambodscha Warnschild

Ketzerische Gedanken

Wolfgang Rössig 17. Nov 2017

Gibt es einen aufregenderen Beruf als Reiseautor? Durch die schöne Welt zu reisen, im Winter an sonnigen Karibikstränden zu liegen, im Sommer kreuz und quer durchs Mittelmeer zu schippern, den Sonnenuntergang am Ayers Rock zu genießen, das Territorium von »Crocodile Dundee« zu durchstreifen, Salsa in Havanna und Tango in Buenos Aires zu tanzen?

Oder Trauminseln in Südthailand aufzuspüren, in Südfrankreich zu schlemmen, im kalifornischen Napa Valley die edelsten Tropfen zu verkosten, in Mexiko auf Pyramiden zu klettern, in der libyschen Römerstadt Leptis Magna über die Flüchtigkeit des Seins nachzusinnen... und dafür auch noch bezahlt zu werden? Nun, es ist nicht alles Gold was glänzt, auch nicht das Schreiben von Reiseführern, und wer jemals zwanzig Hotels an einem Tag gecheckt hat, weiß, dass Urlaub anders aussieht.

Der Weg entsteht beim Gehen

Ja, aber mit Reiseführer ging es sich schon immer leichter. Schon im Ägypten der Pharaonen gab es detaillierte Führer durch die Unterwelt, im 2. Jahrhundert konnte man mit Pausanias in Griechenland auf Sightseeing gehen, und die Jakobspilger des 12. Jahrhundert begleitete auf ihrer gefährlichen Reise ein Buch, das die Reisenden nicht nur mit Straßenzustandsberichten versorgte, sondern ihnen auch erzählte, in welcher Gegend man gut essen und trinken, wo das müde Haupt zur Ruhe betten konnte, welche Sehenswürdigkeiten unbedingt zu besuchen seien (»Item visitandum est...«). Ganz wie heute. Versehen mit den nötigen Warnhinweisen, in welchen Flüssen man sich Durchfall holt, wo man von stechwütigen Wespen gepeinigt, von brutalen Zöllnern bedrängt und von verschlagenen Fährleuten übers Ohr gehauen wird, könnte es Aimerys handlicher Kurzführer vermutlich mit den meisten Exemplaren der heute unverdrossen auf den Markt geworfenen bebilderten Adresssammlungen aufnehmen.

Aber wo bleibt die Phantasie?

Leider hat Aimery Picaud mit seinem Reiseführer unzählige Nachahmer gefunden. Viele Reiseberichte vergangener Jahrhunderte waren immerhin noch literarische Meisterwerke, phantasievolle Abhandlungen über Utopia, Brobdinag und Arkadien, oder Reiseimpressionen empfindsamer Frankreichreisender, denen ein Mädchen mit einer Börse aus grünem Satin bedeutungsvoller schien als Notre-Dame. Zwar hätten Bougainvilles Tahitischilderungen den Beginn des Sextourismus mühelos um zwei Jahrhunderte vorverlegen können, doch war seinerzeit der Charterflug noch nicht erfunden, und so blieb es bei der Beflügelung der Phantasie.

Und heute?

Ushuaia auf Feuerland
Ushuaia auf Feuerland

Längst ist jeder auch noch so entlegene Winkel der Erde erforscht, beschrieben, fotografiert und abgefilmt, gibt es Reiseführer selbst über die Antarktis und die Insel des vorigen Tages. Was gäbe man heute nicht für ein wenig staunende Sprachlosigkeit, wie sie den spanischen Konquistador Bernal Díaz de Castillo angesichts der Aztekenmetropole Tenochtitlán überfiel, so dass er nicht mehr wusste, wie er die Dinge beschreiben sollte, »die bisher niemals erblickt oder gehört oder geträumt wurden«. Unzählige Reisebücher haben es inzwischen fast totgeschrieben, dieses naive Staunen über die Wunder der Welt. Dabei hat vor bald 500 Jahren Hernán Cortés aus Mexiko Kaiser Karl V. wissen lassen: »Alle Einzelheiten und Dinge berichten zu wollen, das würde heißen, sich gleichsam in die Unendlichkeit begeben zu wollen.«

Wie geheim ist ein Geheimtipp?

»Es findet sich keine Wahrheit in den Worten Fremder«, lautet eine pessimistische Weisheit der Maya. Je mehr wir über ferne Länder zu wissen glauben, desto beliebiger, austauschbarer werden sie offenbar: eine bunte Bilderflut voller Batidas, Kokosriegel und Bacardi-Feeling. »Was mache ich hier?« fragt sich der Reisebuchautor ratlos wie Rimbaud in Äthiopien. Wie lebensklug waren die Aborigines in den Kimberley-Bergen Nordwestaustraliens, die mich während meiner Recherchen nach mehrtägigen Diskussionen und unzähligen dabei verspeisten fetten Maden und Honigameisen zwar erlaubten, ihre uralten Felsmalereien zu besichtigen, ja sogar zu fotografieren, mir aber ausdrücklich untersagten, meinen Lesern eine Wegbeschreibung dorthin zu liefern. (Ich habe mein Wort gehalten.) Noch weiser die Stammgäste einer verschwiegenen Traumbucht irgendwo in den karibischen Grenadinen, die mich allzu neugierigen Schreiberling mit unzähligen Daiquiris bestachen, damit ich das Wörtchen »Geheimtipp« auch wirklich ganz wörtlich nähme, sprich darüber kein Sterbenswörtchen verlöre. Das ließ sich ebenfalls machen, denn in der Karibik gibt es andere Traumbuchten genug.

Einmal ganz anders reisen

Aber ja, manchmal heißt Desinformation das Gebot der Stunde. Wie unbeschwert reist man ohne Reiseführer und Kamera im Gepäck! Die Neugier wiegt kein einziges Gramm. Wie herrlich, unter Palmen und Olivenbäumen den Nachmittag eines Fauns zu träumen, statt nach Abhaken der zwölften Sehenswürdigkeit des Tages die siebte bereits wieder vergessen zu haben! Wenn wir schon nicht still zu Hause in unserem Zimmer sitzen können (worin Blaise Pascal den Grund für das Unglück in der Welt sah), dann sollten wir Paxe aller Länder künftig wenigstens den falschen Reiseführer mitnehmen, wie das ein berühmter Karibiktourist vor einem halben Jahrtausend tat. Er hatte einen Reisebericht über China im Gepäck. Dessen Autor hieß Marco Polo. Und der Tourist? Christoph Kolumbus...

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