Zugegeben, für Langschläfer ist es schon eine Herausforderung, im Morgengrauen von einem markerschütternden blechernen Ruf aus dem Schlaf gerissen zu werden. "Allahu akbar, Allahu akbar, Aschhadu an la ilaha illAllah, Aschhadu anna Muhammadan rasulAllah!" Wer arabisch kann, der weiß jetzt, dass es keinen Gott außer Allah gibt und Mohammed sein Prophet ist. Wer nicht arabisch kann, der weiß es jetzt auch. Und dass man im Orient lieber früh aufsteht.
Aber was heißt hier überhaupt Orient? Knaurs Kulturführer Marokko beschreibt ein Land, dass die Araber "Al Maghrib al Aksa" nannten: Land des äußersten Westen. In der Tat ist das Scherifenreich immer ein Mittler zwischen Orient und Okzident gewesen. In keinem anderen Land des schwarzen Kontinents vereinigen sich so vielfältige Landschafts- und Kulturformen wie hier. Schneeblitzenden Gipfel des Hohen Atlas und gelbbraune Vorwüstentäler, wo sich die Oasen wie grüne Perlen aneinanderreihen, felsige Mittelmeerküsten mit verschwiegenen Sandbuchten und ausgedehnte feinsandige Stränden der Atlantikküste, verschwenderisch ausgestattete Moscheen, Medresen und Paläste, die von der äußersten Raffinesse der maurischen Kunst und Architektur zeugen, und archaische Berberkasbahs, die sich wie biblische Städte an die Berghänge des Anti-Atlas schmiegen: das alles ist Marokko!
Labyrinthische Gäßchen, quirliges Menschengewühl in den Souks der mittelalterlichen Medinas, alle erdenklichen Geräusche und Gerüche des Orients, aber auch die Hochhäuser von Casablanca und die gepflegten Stadtviertel von Rabat mit europäischen Flair machen Marokkos oft widersprüchlichen Charakter aus. Vom Maghreb kommend schufen die islamischen Eroberer die unvergleichen andalusischen Bauwerke in Spanien, im Gegenzug haben vor allem Portugiesen und Spanier unauslöschliche Spuren an der marokkanischen Küste hinterlassen.
Eine besondere Faszination ist und bleibt der berühmteste Platz des Maghreb, wenn nicht der gesamten arabischen Welt: die Djemaa el-Fna. Wenn die Nachmittagshitze nachläßt, verwandelt sich der Platz in eine riesige Unterhaltungsstätte, auf der Märchenerzähler, Feuerschlucker, Akrobaten, Schlangenbeschwörer, Affenbändiger, Gaukler, Tänzer und schwarze Gnaoua-Musikanten ihr kritisches Publikum zu unterhalten suchen. Und dann ist da dieser unvergleichliche Sonnenaufgang über den endlosen, rotgoldenen Sanddünen des Erg Chebbi südlich von Merzouga: ein Wüstenerlebnis, das man sein Leben lang nicht vergißt. Nur die Saharakarawanen nach Timbuktu, von denen ein vielfotografiertes Schild in Zagora erzählt, die gibt es nicht mehr.
Marokko ist auch im HB Bildatlas Spezial Rund ums Mittelmeer ein eigenes Kapitel gewidnet, wie auch Tunesien, wo der Maler Paul Klee einst die "Leibhaftigkeit des Märchens" entdeckte. Das beliebteste Sonnenziel europäischer Touristen in Nordafrika verdiente dann aber doch ein eigenes Buch: HB Bildatlas Spezial Tunesien/Libyen. Dabei sind es meiner Ansicht nach gar nicht die von Hotelburgen gesäumten Mittelmeerstrände, die Tunesiens Reiz ausmachen. Viel lieber streifte ich durch die Klatschmohnfelder und Granatapfelhaine auf dem Cap Bon, die kühlen sattgrünen Korkeichenfelder der Kroumirie, die Sumpflandschaft um den Ichkeul-See, an dessen Ufer Hunderttausende von Zugvögeln aus Europa im Winter eine Rast einlegen. Welch ein Kontrast zum Süden, mit seinen Datteloasen, seinen archaischen Ksour-Dörfern, deren Berberbevölkerung sich in der kühlen Jahreszeit in Tataouine, Douz und Tozeur zu farbenfrohen Festen zusammenfindet, und schließlich die endlosen Dünen des Grand Erg: Wind, Sand und Sterne wie zu Zeiten von Saint-Exupéry. Dazu kommen die historischen und kulturellen Glanzlichter des Landes, die Tempel, Theater, Thermen, Triumphbögen, Basiliken und mosaikgeschmückten Villen aus der Römerzeit und die labyrinthischen, über tausend Jahre alten Medinen von Tunis, Sousse und Kairouan.
Die Reise nach Libyen wurde zu einem besonderen Erlebnis. Hatte man die byzantinische Prozedur der Visabeschaffung erst einmal bewältigt, reiste es sich verblüffend gut in einem Land, das als "Schurkenstaat" galt und sich erst ganz langsam dem Tourismus öffnete. Aber es lohnte sich. Beim Anblick der Ruinen von Leptis Magna, vor dramatischer Meereskulisse, versinken selbst abgebrühte Archäologen in romantischen Träumereien. Am frühen Morgen, wenn Hexenkraut und gelber Ginster ihre betörende Düfte verströmen und der Säulenwald im rosa Licht der Morgensonne leuchtet, erlebt man den Zauber dieses Weltkulturerbes an manchen Tagen fast ungestört. Abends glüht der Marmor in Orange, Ocker und Krapprot, und wieder teilt man das gigantische Forum nur mit den Medusenhäuptern der Marmormedaillons. Im Landesinneren locken die an Kreationen von Le Corbusier erinnernden uralten Lehmziegelbauten der Palmenoase Ghadamés, die prähistorischen Felsmalereien im Akakus-Gebirge und die inmitten rostroter Sanddünen wie eine Fata Morgana blauschimmernden Mandara-Seen. "Wer nach Libyen, dem vielgeliebten, zu spät kommt, der wird es bitter bereuen", lautet ein delphisches Orakel. Vielleicht bekommt das Land jetzt eine neue Chance?
Für den HB Bildatlas Spezial Rund ums Mittelmeer reiste ich auch ausgiebig durch den Nahen Osten, nach Jerusalem, Damaskus und Beirut, zur jordanischen Felsenmetropole Petra, zu Kreuzritterburgen und verfallenen Römerstädten in der Wüste: Stoff für noch viele Reiseführer!
Der arabische Kartograph Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi aus Bagdad zeichnete 820 n.Chr. die erste Karte, auf der die Umrisse der Nordküste Australiens erscheinen. Auf der Toscanelli-Karte von 1474 sind sogar Murray, Darling, Swan und Shoalhaven River akkurat abgebildet. Wer ist da 300 Jahre vor Cook, 50 Jahre vor den ersten Europäern und Jahre vor der Entdeckung Amerikas durch Australien gezogen? Let's go down under!
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