Wer träumt an kalten grauen Wintertagen nicht von einer tropischen Insel mit schneeweißen Stränden, im Passatwind schwankenden Palmen und einer kristallklaren azurblauen See, mit Korallenriffen, Wasserfällen, Vulkanseen, heißen Quellen und Regenwäldern, das alles bewohnt von glücklichen, musikalischen Einheimischen, deren dunkle Haut im Karnevalsschmuck besonders fotogen wirkt. Sanft perlen die unverwechselbaren Töne der Steel Pans, lasziv wiegt sich eine Mulattin im Rhythmus...
Natürlich hat es auch Schattenseiten, dieses tropische Paradies, wenn wieder einmal Wirbelstürme Kleinholz aus der Idylle machen, aber ein Sehnsuchtsziel bleibt sie allemal, die Karibik. Glücklich, wer unter Palmen Reiseführer schreiben darf! Mit Knaurs Kulturführer Karibik ging es los. Jedes bewohnte Eiland durfte ich besuchen. Die Vielfalt dieses kulturellen Schmelztiegels an der Kreuzung von Europa, Amerika und Afrika machen für mich die Karibik zu einer der faszinierendsten Regionen der Welt. Spanier, Engländer, Franzosen, Holländer, Portugiesen, ja sogar Dänen und Schweden haben hier ihre Spuren hinterlassen. Ihre kulturellen Eigenarten vermischten sich mit afrikanischen Glaubensvorstellungen und Lebensweisen. Aber warum tragen die Frauen während des Karnevals von Trinidad trotz der Tropenhitze eigentlich Strumpfhosen? Ich sollte es erfahren. Naja, und erst die Strände...
Es blieb nicht bei einem Buch. In den nächsten Jahren feierte ich Bob Marleys fünfzigsten Geburtstag in den finstersten und gefährlichsten Vierteln in Kingston, Jamaica, fotografierte für APA Publications in London die englischen Führer APA Insight Guide Bahamas und APA Insight Guide Dominican Republic, und dann schrieb ich den HB Bildatlas Spezial Dominikanische Republik. Die Dominikanische Republik, dieses liebenswerte Land, von dem schon Kolumbus in den höchsten Tönen schwärmte, hatte ich schon Anfang der 1980er kennen gelernt, als deutsche Pauschalurlauber dort gänzlich unbekannt waren und die Maschine aus Puerto Rico bei Stromausfall schon mal auf einer Piste landen musste, die von Autoscheinwerfern beleuchtet wurde. Die Dominikanische Republik gilt heute fast als "Mallorca der Karibik", aber es gibt nach wie vor noch viel zu entdecken. Ein Kapitel ist dem bettelarmen, aber dennoch faszinierenden Nachbarn Haiti gewidmet: eine ganz besondere, extrem intensive und unter die Haut gehende Reiseerfahrung!
Es folgte der HB Bildatlas Spezial Kleine Antillen, für den ich - zu Land und zu Wasser - alle Inseln unter und über dem Winde erneut ausgiebig bereiste: von Anguilla bis Trinidad. Karneval in Port of Spain, Cropover auf Barbados, Segelregatta vor Antigua... es wurde nicht langweilig. Ich besuchte die letzten Kariben auf der Insel Dominica, kletterte auf Hollands "höchsten Berg" (auf der Insel Saba), trank hochprozentigen Rum mit den Führern der Unabhängigkeitsbewegung von Martinique, tanzte Zouk auf Guadeloupe, traf Hollywood-Stars auf den Promi-Inseln Saint Barthélemy und Mustique, und ließ mir alte Sklavenlegenden auf St Lucia erzählen.
Kuba, die größte Antilleninsel, ist nach wie vor mein besonderer Favorit. Schon im Kulturführer Karibik war Kuba ausführlich vertreten, später schrieb ich dann für den Polyglott Verlag das Reisebuch Kuba, das unter den Reiseführern geradezu ein Bestseller ist. Gerade wurde es völlig aktualisiert neu aufgelegt, unter dem Titel Polyglott Go! Kuba. Für einen Schriftsteller bleibt Kubas oft absurde Wirklichkeit von einer besonderen Faszination. Spanische Kolonnaden hallen wider von dumpfen Trommelwirbeln zu Ehren des afrikanischen Donnergottes Changó. In den Gassen Alt-Havannas spielen Kinder zwischen chromblitzenden Chevvies und klapprigen Ladas Baseball, als übten sie für die Major League der USA.
Mit Dollars in der Tasche und Che Guevara im Herzen lassen sich selbst dem erstaunlich widerstandsfähigen "tropischen Sozialismus" charmante Seiten abgewinnen. Für alle anderen, die ohne "grüne Pesos" auskommen müssen, bleibt nur Galgenhumor im täglichen Kampf ums Überleben.Wer das grellbunte Plastikarmband der hermetisch von der kubanischen Wirklichkeit abgeschotteten Dollarparadiese ablegt, stürzt sich in ein Wechselbad der Gefühle. Auf Kuba scheint es keinen Kompromiss zu geben zwischen dem innigen Wunsch, für immer zu bleiben wie Ernest Hemingway, und dem jähen Verlangen, den nächsten Flieger in die Heimat zu besteigen.
Eine Reise durch Kuba fasziniert, nervt, verblüfft, be- und entgeistert, je nachdem, ob die Brille auf der Nase gerade rosa oder schwarz gefärbt ist. "Wenn ich verloren gehe, sucht mich in Kuba", schwärmte der spanische Dichter Federico García Lorca. Manche Erlebnisse verarbeite ich gerade in einem Kubaroman. Und wenn man den Ruf eines "Kubaspezialisten" mal weg hat, kommen immer wieder neue Aufträge: So nahm ich mich weiterer Kubabücher aus dem Polyglott Verlag an und aktualisierte den großen Polyglott APA Kuba sowie Polyglott on tour Kuba, ein Titel, der jedes Jahr neu aufgelegt wird.
Hernán Cortés eroberte von Kuba aus Mexiko. Folgen Sie mir dorthin, ohne Hellebarden und Musketen, nur mit Stift und Fotoapparat bewaffnet...
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