California Dreaming

Eigentlich sollte ich ja über Los Angeles schreiben: Traumfabrik, Kapitale der Schaumschläger, Schmelztiegel der Dritten Welt, Surfermekka und Baywatch Babes. Zugegeben, die City of Angels präsentiert sich auf den ersten Blick als end- und gesichtsloser urbaner Brei, in dem lediglich die glitzerndern Hochhäuser der smogverhangenen Downtown einige Akzente setzen. Doch schon die beeindruckende Anzahl weltberühmter Museen straft das Klischee Lügen. Mehr noch, schier unendlich ist die Vielfalt von Los Angeles: von den in die Jahre gekommenen New-Age-Spinnern in Venice über die silikongepolsterten Bikini-Skaterinnen von Santa Monica, den rosa Pudeln von Beverly Hills mit eigener Platinkreditkarte, den Bordsteinschwalben auf dem berühmten Hollywood Boulevard bis hin zu den afroamerikanischen Gangs im verrufenen South Central L.A.

HB Bildatlas City tour San Francisco

Aber Verlage sind launisch, und plötzlich hieß das Ziel San Francisco! Kein schlechter Tausch: die Stadt wuchs mir schnell ans Herz, und ich hoffe, dem Leser des HB Bildatlas City tour San Francisco geht das ebenso, nicht nur der wesentlich besseren Luft wegen. Gewiß, New York, das ich ebenfalls ausgiebig erforschte, für einen Reiseführer, den es dann nie geben sollte, weil der Auftraggeber pleite ging (ja sowas gehört zum Risiko des Reisebuchautors!) ist ein Kapitel für sich. Aber San Francisco bleibt die schönste Stadt der USA. Europäer packt heimatliche Nostalgie: alte Häuser, steile Stufen, und ein Auto braucht man hier auch nicht. Die Provinzler aus Kansas und Idaho finden sowieso alles "great" und "exciting" hier, ja selbst die New Yorker grummeln etwas von anständiger Küche und dem besten Nachtleben westlich des Mississippi, ach was, des Hudson River.

Es ist schon wahr: mehr ethnische und kulturelle Vielfalt findet sich in Amerika nur noch auf der Insel Manhattan, mit dem Unterschied, dass man in San Francisco auch ohne Taxi binnen weniger Minuten von China über Italien nach Mexiko kommt. Die ganze Welt hat sich in den viktorianischen grellbunten Puppenhäuschen, den "Painted Ladies", niedergelassen. "Irrsinnige Stadt, größtenteils von komplett verrückten Leuten bewohnt, mit Frauen von bemerkenswerter Schönheit", urteilte der Schriftsteller Rudyard Kipling. Frauen... nun ja: In diesem Käfig voller Narren schaut man besser zweimal hin. Nicht alles, was weiblich aussieht, ist es auch. Außer vielleich in Marina und Sunset, den windzerzausten Rückzugsgebieten der "normalen" Mittelklasse, die überall in Amerika den Ton angibt, hier aber Minoritätenschutz reklamieren müsste. Die bigotten Prediger der Moral Majority haben in San Francisco wenig zu melden, hier erwischt man sie eher: zur falschen Zeit an der ganz ganz falschen Stelle.

Alles halb so wild: Die graumelierten Helden der Beat Generation schrecken keinen Spießbürger mehr mit bekifften "Howls", und selbst in "The Haight" trägt keiner mehr Blumen im Haar. Doch die Toleranz ist geblieben: Die Hispano-Machos in der schrillen Valencia Street finden nichts dabei, am Burritostand friedfertig mit tätowierten Lesben und ausgeflippten Musikern zu plaudern. Aber wehe, sie rauchen!

Liegt San Francisco in Amerika? "So gerade eben", sagt der Seismologe. Ein paar Meilen südwestlich der City steigt der Andreas-Graben aus dem Meer, der die amerikanische von der pazifischen Kontinentalplatte trennt. Daß von da aus demnächst wieder ein Ruck durch die Stadt geht, darauf können die Einwohner dankend verzichten. Amerika wurde von San Francisco oft genug wachgerüttelt: mit Nuggets, Gedichten, Blumen, LSD, HIV und Silikonchips. Selbst aber will man lieber bleiben, was man hier zwischen Bay und Pazifik immer war: ein wenig "Out of America".

Vom Pazifik zum Mittelmeer

Zugegeben, ein ganz schöner Sprung, aber zumindest die vorzüglichen Cappuccini von North Beach, dem Italo-Viertel San Franciscos, stimmen uns ein. Andiamo?

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